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Malerei entdecken, besprechen und selber machen

Monat: Juni 2017

Leinwand selbst bauen

In folgendem Tutorial zeigen wir euch, wir ihr eine Leinwand selbst baut – das geht schnell, ist günstig und ermöglicht Gestaltungsspielräume hinsichtlich Maße und Haptik.
Die Leisten für den Keilrahmen sowie der hier verwendete Baumwollstoff wurden beim Künstlerbedarf boesner gekauft. Die Materialien kann man online bestellen, jedoch z.T. nur in Mindestmengen. Es lohnt sich daher, für kleinere Mengen in eine Fililale vor Ort zu fahren. Die nächstgelegene Filiale für alle, die aus Wiesbaden und Umgebung kommen, befindet sich in Frankfurt.

Ceci n’est pas un Oisillon

Darstellungen von Vögeln in der Kunst gibt es so lange, wie es künstlerische Darstellungen überhaupt gibt. Schon vor 30.000 Jahren haben Menschen Bilder von Vögeln auf Knochen geritzt und unter den ca. 17.000 Jahre alten Wandmalereien in der Höhle von Lascaux findet sich die kuriose Abbildung eines auf einem Stock sitzenden Vogels.

Die Symbolkraft von Vögeln zeigt sich in Gestalten wie dem altägyptischen Gott Thot, der manchmal mit einem Ibiskopf dargestellt wird, ebenso wie den vielen beflügelten Wesen der griechischen Mythologie. In der christlichen Ikonographie war und ist die Taube das Symbol des Heiligen Geistes wie auch des Friedens und als solches wurde sie auch von der Friedensbewegung in säkularisierter Form übernommen. Im Spätwerk von Georges Braque steht der Vogel im Zentrum einer ganz persönlichen Ikonographie.

Noch viel mehr als solche symbolischen Darstelllungen beeindrucken mich aber realistische Abbildungen von Vögeln, denn sie sind Ausdruck des  ernsthaften, beobachtenden Interesses des Künstlers an seiner Lebenswelt: Die Gänse an den Wänden der altägyptischen Grabstätte von Meidum, Raubvögel in mittelalterlicher Buchmalerei, Albrecht Dürer’s Dompfaff, Carel Fabritius‘ Distelfink, John James Audubons „Vögel Amerikas“: Immer wenn Künstler ein scheinbar banales Alltagsdetail wie einen Vogel darstellen, vermitteln sie die Erkenntnis, dass das Hier und Heute zählt, dass die Welt und der Blick auf sie wichtig ist.

Dass Vögel die große Faszination auf Künstler ausgeübt haben, überrascht mich überhaupt nicht – sie faszinieren ja auch mich ungemein. Vögel sind gleichzeitig völlig alltäglich und unglaublich außergewöhnlich. Schließlich können sie fliegen, und zwar nicht nur irgendwie: Selbst die zerbrechlichsten Vögel legen riesige Strecken im Flug zurück; Schwalben verbringen ca. zehn Monate des Jahres fast ausschließlich in der Luft und schlafen sogar im Flug. Wer einmal zwei Rotschwanzmännchen bei einem Territorialkampf zugesehen hat, versteht, zu welchen Koordinationsleistungen so ein Vogelgehirn befähigt. Und gleichzeitig kann ich mich nie des Eindrucks erwehren, dass einem Vogel das Fliegen unheimlich Spaß macht.

Vögel sind bunt, sogar in unseren Breitengraden: Grünfinken blitzen beinahe neonfarben, Mauersegler schimmern Indigo. Und auch die eher eintönigen Vogelarten haben, bei genauer Betrachtung, ein Gefieder von hoher Farbkomplexität.

Jede Vogelart hat ihr eigenes, faszinierendes Sozialverhalten. Zaunkönige sind bekennende Einzelgänger, Schwanzmeisen leben in Gruppen von bis zu 12 oder 14 Exemplaren und bauen gemeinsam kunstvolle Kugelnester. Krähenvögel leben dagegen in monogamen Beziehungen und kennen einander als Individuen (so, wie sie manchmal auch Menschen als Individuen erkennen und richtige Freundschaften mit ihnen schließen).

Und: Vögel sind das Relikt der verlorenen Welt der Dinosaurier. Jedes vermeintlich niedliche Vögelchen ist ja eigentlich ein gefiedertes Reptil, mit einem gefährlichen Schnabel, schuppigen Beinen und scharfen Krallen. In jedem Rotkehlchen steckt ein bisschen T. Rex (was sich übrigens vor allem bei Vogeljungen zeigt, die mit aufgesperrtem Schnabel um Futter betteln).

Beim Anblick eines Vogels, nicht nur seiner bildnerischen Darstellung, muss ich immer (und in Anlehnung an René Magritte – der übrigens auch Vögel gemalt hat) denken: „Ceci n’est pas un oisillon“ (Dies ist kein Vögelchen). Wahrlich nicht!

(amw)

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